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Kältegrade
Biografie 1957 geb. in Grossburgwedel seit 1998 als Kurator zahlreicher internationaler [...]
Kulturschock: Harro DB Schmidt (YouTube)
Harro Schmidt

Der Geist der Erinnerung (von Michael Stoeber)

Mit dem Begriff crossover werden die unterschiedlichsten Allianzen benannt, die einzugehen die zeitgenössische Kunst nicht müde wird. Ästhetische Gestaltung verbindet sich mit statistischer Feldforschung wie mit linguistischen Distributionen, mit soziologischen Erhebungen wie mit gesellschaftspolitischen Analysen, mit ökonomischen Betrachtungen wie mit selbst referentiellen Untersuchungen des „Betriebssystems" Kunst. Dem Werk von Harro Schmidt, seinen Installationen, Tafelbildern und Skulpturen, ist das Wurzeln in zwei Bereichen quasi von Beginn an eingeschrieben. Fast zeitgleich hat er zwei parallel absolvierte Studien abgeschlossen, das Geologie- und Paläontologie-Studium an der Universität Hannover und das Studium der Freien Kunst an der Fachhochschule Hannover.


Für den Künstler Schmidt ist die gleichzeitige Beschäftigung mit zwei so unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen nicht eine „entfremdete“, sondern eine im Tiefsten sinnreiche, weil er darin geübt ist, die Dinge zusammen zu sehen und zusammenzublenden. Die Geologie und Paläontologie liefern ihm stets aufs Neue Themen, Gedanken und Motive, die er als Künstler in seinen Werken in ästhetischer Manier bearbeitet und umsetzt. In seiner Kunst tauchen längst ausgestorbene, ebenso schreckliche wie stolze Saurier auf und erzählen nicht nur von der eigenen, sondern von der Vergänglichkeit alles Lebendigen. Ammoniten in serieller Reihung formen Schmuckfriese, Bilder vergangener Mikrofossilien auferstehen in Schmidts Werk als ganz gegenwärtiger, schwarzweißer Fotodruck auf Gaze, im Wasser lebende Brachiopoden werden zu Elementen informeller Malerei, und in Schmidts "Unbekannten Werkzeugen" verbinden sich fantastische Bioschöpfung und fantasierte Kunstschöpfung zu markant hybrider Gestaltung.


Seine neuen Werke rücken rein äußerlich ab vom Thema der Erd- und Biogeschichte. Es sind Projektionen, die Schmidt gegen den herrschenden Hightech-Trend auf geradezu arme Weise, als arte povera sozusagen, zustande gebracht hat. Der Einsatz des Overhead-Projektors erinnert an Christian Boltanski, das Mittel des Scherenschnittes an Kara Walker. An den Wänden und Decken abgedunkelter Räume wandert eine Armada von Bildern. Sie transformieren nicht nur permanent ihre Projektionsflächen zu fremdartig plastischen Gebilden, sondern zeigen auch ebenso buchstäblich wie parabelartig, was für tolle Wirbel an Gedankenbildern sich in unseren Köpfen finden. Die sie repräsentierenden Miniaturidole in Form von Plastikspielzeug werden durch einen Wasserstrom in immer andere Bewegung versetzt. Sie machen sichtbar, wie frei, aber auch, wie chaotisch unsere Gedanken und Gefühle oft sind.


Harro Schmidts Werk scheint, was die Verfasstheit der conditio humana angeht, mit Freud gegen Descartes zu plädieren. Seine neue Werkserie der Projektionen spielt auf eindrucksvolle Weise mit sich verändernden Formen, ohne dass die Kamera hier Bewegung festgehalten hätte und loopartig wiederholte. Jede Veränderung vollzieht das von Schmidt gebaute Dispositiv live und unwiederholbar vor unseren Augen. In gewisser Weise verbinden sich die Projektionen auch mit seinen früheren Werken und ihren Ausflügen in die Geschichte der Geologie und Paläontologie. Wie diese Werke das kollektive Gedächtnis der Erd- und Naturentwicklung in sich aufheben, so scheinen die Bilderwirbel der Projektionen nicht nur individuelle Vorstellungen und Erinnerungen, sondern auch kollektive zu speichern.